Der Kontext entscheidet

Mein Freund Heinz hat ein gutes Auge für die Skurrilitäten des Alltags – gerade auch für sprachliche. Und solange er noch keinen eigenen Blog betreibt, profitiere ich gerne davon. – Danke, Heinz!

Ob die wissen, dass Papier nur sehr unzuverlässig gegen die Übertragung von HIV schützt? (Das gilt sogar für Tüten von Tally Weijl.)

... und gemeinsam gegen AIDS.

(Der Text noch etwas leserlicher: Schluss mit Plastik! – Ja zur Papiertüte … – … und gemeinsam gegen AIDS!)

Sprache der Schwäche – Sprache der Stärke

Anstatt uns damit abzumühen, Schwächen auszubügeln (oder es mindestens zu versuchen), sollten wir in unsere vorhandenen Talente investieren und dann abheben. Das jedenfalls finden Marcus Buckingham und Donald O. Clifton in ihrem Buch Entdecken Sie Ihre Stärken jetzt! Sie wollen dem Leser helfen, seinen besten Seiten auf die Spur zu kommen und sie weiterzuentwickeln. Mit diesem Ziel vor Augen präsentierten sie drei Werkzeuge, darunter “eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung ihrer Talente”. Das sei nötig, weil unsere Sprache armselig sei, wenn es darum geht, von menschlichen Stärken zu sprechen. Ausdrucksstark sei sie hingegen beim Betrachten und Beschreiben von Schwächen und Mängeln.

Das hat mich an das Gefühl erinnert, das mich immer wieder beim Beurteilen von Studentenarbeiten beschleicht: Unser Benotungssystem orientiert sich in erster Linie an Mängeln. In der Schule habe ich das so kennengelernt, dass der Lehrer die Fehler zählte und dann die Note von der maximalen 6 absteigend berechnete. Das Gefühl, das bleibt: Je weniger ich falsch mache, desto besser bin ich. Und: Je mehr ich falsch mache, desto schlechter bin ich.

Interessiert sich denn keiner für das, was stimmt?

In einem solchen Rahmen ist es schwierig, sich an dem zu orientieren, was gut ist – und dann auch davon zu reden.

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2 Sargnägel für die Redeangst

Die Nächte vor meinen Geschichtsreferaten am Gymnasium verbrachte ich schlaflos. Schon der gewöhnliche Unterricht war der Horror, aber die Aussicht, vor versammelter Klasse und meinem Lehrer alleine dazustehen, lähmte mich vollends. Und leider wiederholte sich das Szenario jedes Semester, bis er in Pension ging.

Heute kann ich wenigstes sagen, dass ich weiss, wovon ich spreche, wenn ich das Wort “Redeangst” in den Mund nehme.

Natürlich tat ich alles, um mich so gut es ging abzusichern. Meine Referate lernte ich im Wortlaut auswendig und versuchte mich davon zu überzeugen, dass so ja eigentlich nichts mehr schief gehen konnte. Doch die Angst blieb.

Es dauerte lange, bis ich die ersten positiven Erfahrungen mit dem Reden vor Publikum machte. Heute habe ich meine Ängste hinter mir gelassen und Spass daran, vor Menschen zu reden.

Was ist passiert?

Äusserlich hat sich kaum etwas geändert: Einer redet, die anderen hören zu. Aber innerlich ist alles anders geworden.

“Alles” erkläre ich in zwei Punkten. Es sind zwei Sargnägel, die die Redeangst dorthin bannen, wo sie hingehört:

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Werbung zum Verblöden

Mir ist ein Müsterchen eines offenbar extrem guten Sportlergels in die Finger gekommen. Weshalb ich das weiss, ohne das Produkt ausprobiert zu haben?

Ganz einfach:

Es enthält Glykosaminoglykane!

Wahnsinn!

Nein, ich weiss auch nicht, was Glykosaminoglykane sind, aber da dieser Bestandteil als einziger den Weg auf die Tube gefunden hat, muss es sich um etwas Hochspektakuläres handeln.

Entweder das – oder:

Die Hersteller und Vertreiber von Axa Nova haben sich gedacht: “Lasst uns die Leute blenden, indem wir einen absolut unverständlichen und auf den ersten Blick sogar unlesbaren Begriff auf die Tube schreiben. So erwecken wir den Eindruck, als sei unser Präparat der grösste medizinische Fortschritt seit der Entdeckung des Penizillins.”

Das Perfide an dieser Strategie: Viele Menschen scheinen zu denken, dass etwas, das sie nicht kennen, automatisch gut sein muss. Sie halten sich also für blöd. Nur so lässt sich in meinen Augen auch erklären, wie vor rund 10 Jahren aus “Frühstücksflocken” “Früchstückscerealien” wurden – ohne dass sich an den Produkten etwas geändert hätte.

Wollen wir für dumm verkauft werden? – Machmal habe ich fast den Eindruck.