Warum ich nicht “Hallo” sage.

Hallo: Ein Gruss geht auf DistanzMöglicherweise täuscht mich meine Erinnerung. Aber ich glaube mir sicher sein zu dürfen, dass in meiner Kindheit und Jugend kaum jemand in meiner Umgebung “Hallo” sagte. Ich sowieso nicht. Ich sagte zu meinen Freunden “Hoi” (ich bin ein Zürcher), zu meiner Familie “Ciao” (ich bin gleichzeitig ein halber Bündner) und zu Erwachsenen ausserhalb der Familie einfach “Grüezi”.

Und jetzt stelle ich fest, dass es um mich herum plötzlich von überallher “Hallo” tönt. Ich muss dabei eingestehen, dass auch mir hin und wieder ein Hallo über die Lippen rutscht. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass meine Frau Österreicherin ist und “Hallo” in Österreich durchaus an der Tagesordnung. Aber: In Österreich nennt auch kaum einer einen anderen bei der Begrüssung beim Namen. Da kommt “Hallo” und dann nichts mehr. Ich hingegen grüsse Menschen gerne mit Namen, wenn ich den Namen (noch) weiss.

Mein Hauptproblem mit Hallo liegt jedoch darin, dass es mir sehr unpersönlich erscheint. Ein Gruss, der Distanz schafft. Weiterlesen:

Wie man eine starke Bildsprache entwickelt.

Mit diesem Artikel nehme ich den Faden auf, den ich vor rund 2 Wochen hier niedergelegt habe.

Starke BildspracheWir erinnern uns: Die Geschäftsleitung eines fiktiven Reinigungsunternehmens hat in die Anschaffung einer neuen Staubsaugerflotte des Modells “Sucker V-21″ (mit Pollen- und Milbenfilter und kosmischer Saugleistung) investiert. Im Jahresbericht will sie ihre mutige Orientierung nach vorn unterstreichen. Die gewählte Formulierung lässt aber keine so recht dynamische Stimmung aufkommen.

Was könnte die Geschäftsleitung besser machen?

Zum Beispiel eine konsequente Bildsprache. Das statische Bild des Grundsteins und das dynamische des Weges passen nicht zusammen. Und wenn die Geschäftsleitung Dynamik kommunizieren will, dann sollte sie sich für durchgängig dynamische Sprachbilder entscheiden. Das könnte dann heissen:

Die Geschäftsleitung ist überzeugt, mit dieser Entscheidung den Weg zur Nummer 1 unter den Schweizer Reinigungsunternehmen eingeschlagen zu haben.

Die Änderung ist minimal, die Wirkung jedoch beträchtlich: Anstatt einen Grundstein zu legen, wird nun einfach ein Weg eingeschlagen. Das hat Richtung. Das zeigt Bewegung.

Natürlich wäre auch die andere Variante denkbar: Weiterlesen:

Leonard Cohen: ein Funken Licht in jedem Wort

Nach 22 Jahren habe ich vorgestern Leonard Cohen wieder auf der Bühne gesehen. Eine eindrückliche Begegnung mit einem Künstler, dessen Musik mich seit meiner Zeit als Teenager begleitet und der mit 76 Jahren Bescheidenheit, Freude und Höflichkeit in einem Mass ausstrahlt, das die Schönheit dieser Qualitäten hautnah fassbar macht.

Cohens klare Sprache hat es mir besonders angetan. Und zur Zeit ganz besonders zwei kurze Sätze aus dem Lied “Anthem“:

There’s a crack in everything.
That’s how the light gets in.

Übersetzt heisst das soviel wie: “In allem hat es einen Riss. So kommt das Licht herein.”

Leonard Cohen: There's a blaze of light in every word.Als ich diese beiden Zeilen zum ersten Mal hörte, sang Cohen sie nicht, er rezitierte sie (wie in diesem Video). So kommt ihre brillante Schönheit noch klarer zum Ausdruck, finde ich. Und da ich jede Gelegenheit, von den Besten zu lernen, gerne nütze, frage ich mich natürlich, weshalb mir diese Sätze so unter die Haut gehen.

Ein Teil der Antwort liegt in mir selbst und hat damit zu tun, wie meine Empfangsinstrumente geformt und gestimmt sind. Dieser Teil entzieht sich meiner Analyse weitgehend. (Jedenfalls der Analyse, die ich hier auf diesem Blog betreiben möchte.)

Der andere Teil der Antwort jedoch liegt in den Wörtern, die Leonard Cohen gewählt und kombiniert hat. Über sie kann ich mir sehr wohl Gedanken machen.

Ich sehe folgende Qualitäten:

Einfache Wörter: Cohen verwendet die Allerweltsverben to be (“sein”) und to get (hier: “kommen”). Das ist radikale Einfachheit. In der Schule würde man vermutlich sagen, “In allem hat es einen Riss” sei schlechter Stil. Eleganter wäre zum Beispiel: “Durch alles zieht sich ein Riss.” Aber das ist dann eben manchmal auch schon zuviel. Weiterlesen:

Wie man eine kraftlose Bildsprache entwickelt.

Eine grosse, klaffende, rot-schwarze Wunde, aus der binnen Sekunden das Leben herausgesickert sein musste.

Was stimmt an dieser Beschreibung (aus dem Hörbuch “Die Anstalt” von John Katzenbach) nicht? – Dasselbe wie an diesem Bild:

Rauchverbot in GrünEin grünes Verbotsschild? Das geht doch nicht! Der (man würde denken offensichtliche) Widerspruch zwischen Grün und Durchgestrichen sabotiert die Wirkung des Schildes, welches statt Gehorsam eher Verwirrung stiften dürfte. (Man könnte sich zum Beispiel fragen, ob es vielleicht darum geht, dass Nichtrauchen erlaubt ist?) Das Resultat: Die Nachricht kommt nur über Umwege ans Ziel. Wen wundert es da, dass mit dem roten Aufkleber die Unsicherheit beseitigt werden musste, damit auch jeder versteht: Es ist tatsächlich ein Verbot!

Auch der eingangs zitierte Text enthält einen solchen inneren Widerspruch, der die Wirkung der an sich drastischen Beschreibung bremst. Weiterlesen: