Der Binde- als Ergänzungsstrich

Der Bindestrich ist ein nützlicher Helfer bei der Spracharbeit. Er erleichtert die Übersicht beim Lesen, wenn er die Bausteine langer Wortverbindungen sichtbar macht, und er hilft im Eifer des Schreibens, Kompliziertes zwar nicht elegant, dafür aber effektiv zu gigantischen Ein-Wort-Verbindungen zusammenzumontieren.

Werbeschild vor der Metzgerei: "Blut + Leberwurst"

Doch er kann noch mehr! Das wird einem manchmal erst bewusst, wenn er fehlt, wie auf diesem Schild, das ich vor unserer örtlichen Metzgerei fotografiert habe.

Das “hausgemachte Blut” beunruhigte mich, und ich wechselte sicherheitshalber die Strassenseite.

Der Bindestrich hat die Fähigkeit, unsere Sprache sparsamer und damit leichter zu machen. Bei Aufzählungen, die denselben sprachlichen Baustein enthalten, kann der Bindestrich diesen ersetzen. (In dieser Funktion wird er auch Ergänzungsstrich genannt.) Meine Sprechwerkzeuge danken es ihm darum, wenn sie auf dem Markt nicht “Regenmäntel, Wintermäntel, Strickmäntel, Steppmäntel und Bademäntel!” anpreisen müssen (oder müssten, wenn ich Mantelmarktfahrer wäre). Stattdessen übernimmt der Bindestrich die Funktion eines Platzhalters für den bei allen identischen und erst am Schluss genannten 2. Wortbaustein Mantel.

Regen-, Winter-, Strick-, Stepp- und Bademäntel! Weiterlesen:

Bindestrich: mit oder ohne?

Der Bindestrich trägt seinen Namen eigentlich zu Unrecht. Er ist ein Trennstrich. Diesen Unterschied vor Augen zu haben, hat mir geholfen, seine Verwendung zu verstehen und ihn richtig und zum Nutzen der Menschheit einzusetzen.

Dieser Strich verbindet also nicht, er trennt viel eher.

Was trennt er?

Er trennt zwei Wortbausteine.

Wozu trennt er sie?

Um das Wort, das aus diesen Bausteinen zusammengesetzt ist, verständlicher zu machen.

Es ist also wieder einmal eigentlich ganz einfach: Dieser Strich verbindet nicht zwei separate Wörter, er trennt zwei verbundene Wörter. Oder anders gesagt: Die Alternative zu diesem Strich ist nicht die Getrenntschreibung, sondern die Zusammenschreibung.

Die Idee zu diesem Beitrag kam mir übrigens, als ich vor dieser Kaffeemaschine auf meine Schale* wartete:

kaffeebecher_web

Weiterlesen:

Apostroph: die Verunstaltung des Genitiv’s

Er verursacht mir Schmerzen, denn er ist nicht nur falsch, er sieht auch hässlich aus: der Apostroph beim Genitiv. Deshalb hier ganz knapp und klar:

Der deutsche Genitiv (Wesfall) steht ohne Apostroph.

Apostroph_web

Besonders grosszügig wird er dennoch hinter Eigennamen gesetzt. So ist dann von Natalie’s Freunden oder Stefan’s Geburtstag die Rede. Dann könnte man ja auch gleich Stefan’s birthday sagen, das versteht hier auch jeder und zudem wäre es richtig. Denn im Gegensatz zum Deutschen markiert das Englische den Genitiv tatsächlich mit einem Apostroph. Von dort haben wir ihn übernommen. Ein weiterer Anglizismus also, wenn auch einer der besonders nervenden Sorte.

Ich vermute ausserdem, dass sich hier einmal mehr die tief sitzende Überzeugung zeigt, dass beim Reden und Schreiben nicht weniger mehr ist, sondern mehr. Wenn ich mehr Zeichen verwende, sieht das nach mehr und wichtigerem Inhalt aus. Das können dann Apostrophe sein, aber auch Buchstaben und Silben oder Wörter. Thematik klingt besser als Thema. Und es  wirkt wissenschaftlicher, vom Auftreten von gesellschaftlichen Spannungen zu sprechen als einfach nur von gesellschaftlichen Spannungen. Dabei würde das völlig ausreichen, weil damit in der Regel bereits alles gesagt ist. Der Apostroph hat eine ähnliche Wirkung, weil er den Text etwas fremd erscheinen lässt, etwas gelehrter, etwas gescheiter. Schliesslich setzt nicht jeder einen Apostroph. (Gott sei Dank!)

Nachtrag: Da gibt es doch tatsächlich einen Blog, der sich nur mit Fällen von Apostrophmissbrauch befasst: www.apostropheabuse.com (englisch). Unterhaltsam – aber ich würde als Autor depressiv werden.

Noch ein Nachtrag: Da gibt es doch tatsächlich eine Seite, die dasselbe auf deutsch erledigt: apo’strophen-alarm.de. Sehr unterhaltsam – und mit einer umfangreichen Linkliste.

Anglizismen: Wenn Englisch Deutsch wird.

Heute in der Neuen Zürcher Zeitung (S. B6, Artikel “Bittorrent für alle”):

“Seit vor rund zehn Jahren in den USA die Schallplattenfirmen den Verkauf von MP3-Players gerichtlich zu stoppen versuchten, hat es schon viele absurde Prozesse gegeben, mit denen die alten Geschäftsmodelle dieser Brache zu retten versucht wurde.”

Einmal abgesehen davon, dass die Konstruktion dieses Satzes einige Wünsche offen lässt (zum Beispiel den nach Verständlichkeit): MP3-Players? Players? Das klingt mir seltsam in den Ohren. Natürlich lautet die englische Mehrzahl von player players. Da wir hier aber keinen englischen Text vor uns haben, sondern einen deutschen, ist der MP3-Player hier nicht einfach englisch, sondern eine Entlehnung aus dem Englischen. Solche Entlehnungen richten sich weitgehend nach den grammatischen Regeln der Sprache, in die sie aufgenommen wurden. Einige bilden die Mehrzahl tatsächlich auf –s, so zum Beispiel Job, Hobby, Handy oder Baby; nicht aber Teenager, Browser oder eben MP3-Player, die in der Mehrzahl unverändert bleiben. Ob ich also einen Browser oder vier Browser auf meinem Computer installiert habe, spielt mindestens für die Grammatik keine Rolle. Im oben zitierten Satz stehen die Player im Dativ und haben daher Anspruch auf die Endung –n, die im Deutschen in der Regel bei diesem Fall zum Zuge kommt. Korrekt heisst es also: “… den Verkauf von MP3-Playern gerichtlich zu stoppen.”