Die Nächte vor meinen Geschichtsreferaten am Gymnasium verbrachte ich schlaflos. Schon der gewöhnliche Unterricht war der Horror, aber die Aussicht, vor versammelter Klasse und meinem Lehrer alleine dazustehen, lähmte mich vollends. Und leider wiederholte sich das Szenario jedes Semester, bis er in Pension ging.
Heute kann ich wenigstes sagen, dass ich weiss, wovon ich spreche, wenn ich das Wort “Redeangst” in den Mund nehme.
Natürlich tat ich alles, um mich so gut es ging abzusichern. Meine Referate lernte ich im Wortlaut auswendig und versuchte mich davon zu überzeugen, dass so ja eigentlich nichts mehr schief gehen konnte. Doch die Angst blieb.
Es dauerte lange, bis ich die ersten positiven Erfahrungen mit dem Reden vor Publikum machte. Heute habe ich meine Ängste hinter mir gelassen und Spass daran, vor Menschen zu reden.
Was ist passiert?
Äusserlich hat sich kaum etwas geändert: Einer redet, die anderen hören zu. Aber innerlich ist alles anders geworden.
“Alles” erkläre ich in zwei Punkten. Es sind zwei Sargnägel, die die Redeangst dorthin bannen, wo sie hingehört:
Unsere ältere Tochter (4 Jahre) stand gestern das erste Mal auf den Skiern. Im Garten zwar, aber immerhin. Beim Mittagessen kamen wir auf die Skischule zu sprechen. Ich vermutete, dass Skischule etwa 2 Stunden Programm pro Tag bedeutet. Unsere Tochter darauf: “Wie lange ist zwei Stunden?”
Mein erster Impuls für eine Antwort war: “Das ist wie zwei Mittagspausen hintereinander.” Das schien mir dann aber doch zu abstrakt. Meine Frau war gewandter: “Das ist so lange, wie wir brauchen, um zu Nona und Eni (meine Eltern im Bündnerland) zu fahren. – Oder so lange, wie ich brauche, wenn ich mit euch einkaufen gehe.” Dann schaute sie mich an und meinte: “Eigentlich krass.”
Actio klingt nach Action. Und jetzt geht’s tatsächlich los. Wer bei den vier vorangehenden Arbeitsschritten bei der Sache war, darf jetzt die Früchte seiner Mühe ernten.
Die antike Rhetorik ist in ihren Kommentaren zur Ausführung einer Rede sehr zurückhaltend. Fast könnte man den Eindruck bekommen, dass in dieser letzten Phase nichts Entscheidendes mehr passiert. Doch der Eindruck täuscht, wie der grösste Redner der Antike, der römische Allrounder Cicero (Politiker, Philosoph, Jurist und Dichter), klarstellt:
Der Vortrag hat in der Redekunt allein entscheidende Bedeutung. Denn ohne ihn gilt auch der grösste Redner nichts, ein mittelmässiger, der ihn beherrscht, kann aber oft die grössten Meister übertreffen. (Aus De Oratore, III.213)
Je nachdem kann man diesen Kommentar als Ermutigung oder als Ernüchterung empfinden. Aber natürlich ist klar: Die Vorbereitung der Rede läuft ja auf die Rede hin, und die Rede ist, was das Publikum wahrnimmt. Keiner interessiert sich für die Unterlagen meiner Vorbereitung. Diese letzte Phase entscheidet über Erfolg und Misserfolg meines Vorhabens. Kurz gesagt: Hier geht es darum, mit dem Auftritt den vorbereiteten Inhalt der Rede zu unterstreichen und zu verstärken. (Ich muss nicht explizit darauf hinweisen, dass ein schwacher Auftritt genau das Gegenteil bewirkt und meine Absichten zunichtemachen kann.)
Meine erste Rede ohne Skript oder Stichwortkarten hielt ich unfreiwillig. Genauer gesagt: Die Rede hielt ich freiwillig, doch hatte ich geplant, mich wie üblich an einem Mindmap auf Papier zu orientieren, und dieser Plan ging nicht auf. Ich vergass, gleich zu Beginn das Konzept aus der Brusttasche meines Hemdes zu ziehen. Als ich das bemerkte, war es zu spät. Der Griff in die Brusttasche und das Auffalten des Blattes hätten den Redefluss zu stark gestört. So probierte ich es ohne. Und es klappte. Meine Euphorie war gross – so gross, dass ich nie wieder ein Papier verwendet habe.
Mit memoria bezeichnet die klassische Rhetorik das Einprägen der Rede, nachdem die Gedanken in der elocutio ihre sprachliche Form gefunden haben. Natürlich könnte man darauf verzichten und einfach vorlesen, was man geschrieben hat.
Einfach?
Für die Zuhörer wäre dieser Weg alles andere als einfach, da sie voraussichtlich während der ganzen Rede gegen den Schlaf zu kämpfen haben. Doch nicht nur das: Wer seinen Redetext abliest, verpasst etwas. Wer abliest, muss seine erste Aufmerksamkeit seinem Skript und damit sich selbst widmen. Dabei schuldet der Redner seine Aufmerksamkeit dem Publikum. Nur dann ist Dialog möglich. (Ja, ich glaube an den Dialog im Monolog, auch in der ganz klassischen Redesituation, wenn einer spricht und die anderen zuhören.) Ich bin hier etwas radikal: Ablesen darf heute kein Thema mehr sein.
Vom Redner her betrachtet ist nach Schritt 2 (dispositio) der schwerste Teil der Arbeit geschafft. Von aussen gesehen sieht es anders aus: Jetzt (erst) kommt das Wesentliche, wenn die geplanten Gedanken Gestalt annehmen – in der Form von Wörtern, Sätzen, Abschnitten. Und natürlich ist das wesentlich, auch wenn es “nur noch” darum geht, dem ausgelegten roten Faden entlangzuformulieren. Letztlich entscheidet die Sprache, die wir wählen, zu einem grossen Teil darüber, ob die Botschaft gehört wird oder nicht.
Was muss passen?
4 Qualitätsmerkmale der klassischen Rhetorik helfen, diesen Arbeitsschritt zu gestalten:
Nachdem ich nun viel Material gesammelt habe, besteht die Herausforderung darin, es in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Dieser zweite Arbeitsschritt auf dem Weg zur Rede wird klassisch dispositio genannt, und da klingt natürlich unsere Disposition an. Da ich über die Gliederung der Gedanken vor einigen Monaten bereits eine Artikelreihe veröffentlicht habe, möchte ich mich heute auf das Grundsätzliche konzentrieren. Der Schritt aus der inventio in die dispositio macht klar, dass die klassische Unterteilung in 5 Arbeitsschritte als Hilfe zu verstehen ist, die der Realität nur unvollkommen entspricht. Besonders diese ersten beiden Schritte sind eng miteinander verbunden. Eine gewisse Ordnungsarbeit wird bereits beim Sammeln geleistet (wenn auch nur im Kopf), und das Erstellen der Gliederung wird Löcher in den Gedanken sichtbar machen, die gestopft werden müssen – und zwar durch erneutes Sammeln.
Als Grundlage für die Gliederung einer Rede dient das einfache Schema, das auf die antike Gerichtsrede zurückgeht:
Einleitung (exordium)
Erzählung (narratio)
Beweisführung (argumentatio)
Schluss (peroratio)
In früheren Beiträgen habe ich bereits darüber geschrieben, wie wichtig Gliederungen sind und wie man sie erstellen kann. Dort ging es vor allem um den Hauptteil der Rede, der hier aus Erzählung und Beweisführung besteht, den man aber natürlich auch ganz anders aufbauen kann. Heute stehen Anfang und Schluss einer Rede im Mittelpunkt, die auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirken und im Umfang natürlich auch weit weniger gewichtig sind als der Hauptteil. Doch täuschen wir uns nicht. Besonders der Redeanfang entscheidet über Sieg oder Niederlage des Redners.
Anfang (exordium)
Logisch eigentlich, dass der Anfang entscheidend ist. Einen ersten Eindruck kann man nur einmal machen, und man macht ihn am Anfang. Hier entscheidet der Zuhörer, ob er mitkommen will oder nicht. Die klassische Rhetorik beschreibt drei Aufgaben, die der Redner in dieser ersten und entscheidenden Phase zu erfüllen hat. Er muss
Interesse für sein Thema wecken, damit die Zuhörer neugierig und aufnahmebereit werden.
das Wohlwollen der Zuhörer gewinnen, damit sie bereit sind, ihm – und gerade ihm – zuzuhören.
den Hauptteil inhaltlich vorbereiten, also ins Thema einführen.
Punkt 3 ist einigermassen offensichtlich, dafür ist eine Einführung da. Er scheint mir von den dreien aber der unwichtigste. Ich kann durchaus eine faszinierende Rede aufbauen, ohne eingangs davon zu sprechen, was ich im Detail vorhabe. Viel entscheidender ist, dass ich die Zuhörer für mich und mein Thema faszinieren kann. Und leider geschieht das in der Regel nicht automatisch. Natürlich ist es schön, wenn ein Redner von seinem Thema begeistert ist. Es ist aber ein Irrtum, zu glauben: “Meine Materie ist so spannend – die spricht für sich.” Das Interesse der Zuhörer will geweckt werden – zum Beispiel durch eine unwiderstehlich spannende Frage zum Thema. Damit ist dann allenfalls auch gleich der Hauptteil vorbereitet. Doch nicht nur sein Thema, auch sich selbst muss der Redner ins beste Licht stellen. Wie wichtig das ist, zeigt die einfache Kontrollfrage: “Wem höre ich gerne zu?” Die Antwort auf diese Frage enthält wichtige Hinweise für die Gestaltung des Einstiegs in die eigene Rede. Für diese Selbstdarstellung gibt es tausend Wege – und einmal mehr hängt die Entscheidung eng damit zusammen, wer meine Zuhörer sind. Während bei einem Publikum schon eine freundliche Begrüssung reicht, ist es bei einem anderen wichtig zu unterstreichen, warum ich zu diesem Thema überhaupt etwas zu sagen habe. Die Betonung der eigenen Fachkompetenz kann bei wieder anderen aber den genau gegenteiligen Effekt haben, wenn sie sich denken: “Meine Güte, wieder so ein abgehobener Fachidiot, der keine Ahnung vom Leben hat.” Es lohnt sich also, schon früh in der Vorbereitung die Frage zu beantworten: “Wie kann ich bei diesem Publikum landen?”
Schluss (peroratio)
Aus klassischer Perspektive hat der Redner am Schluss noch zwei Dinge zu tun:
Zusammenfassung
Affekterregung
Das klingt dramatisch. Doch Affekterregung heisst letztlich nichts anderes als den Zuhörern nochmals ordentlich einzuheizen. Es kann ja nicht in meinem Interesse sein, das sie nach meiner Rede gleichgültig dasitzen und den Dreck unter den Fingernägeln hervorkratzen. Der Redeschluss ist meine letzte Chance, einen emotionalen Impuls zu setzen, der nachklingt. Der eine oder andere Zuhörer darf darüber gerne auch am Abend noch nachdenken, wenn er im Bett liegt und auf den Schlaf wartet. Wenn die Rede abgeschlossen ist, ist sie abgeschlossen. Dann gebe ich das Publikum wieder aus der Hand. Je länger der letzte Impuls daher nachklingt, desto besser.
Mit der Zusammenfassung am Schluss biete ich dem Hörer nochmals die weite Perspektive über meine Gedanken. Das war ja jetzt eigentlich alles ein bisschen viel für ihn. Keiner kann sich an alle Punkte eines halbstündigen Referates erinnern. So helfe ich gerne, damit auch sicher das im Gedächtnis bleibt, was mir am wichtigsten ist. Ein positiver Nebeneffekt davon ist, dass ich mir diese Frage selbst auch stellen muss (natürlich bereits in der Vorbereitung!). Das hilft beim Fokussieren.
Zwei Punkte zum Redeschluss möchte ich noch ergänzen. Erstens schliesse ich in der Regel am Ende einer Rede einen Kreis. Das heisst, ich komme irgendwie wieder auf den Anfang zurück. Das kann geschehen, indem ich
eine Frage beantworte, die ich am Anfang gestellt habe.
eine Geschichte wieder aufnehme, mit der ich das Referat eingeführt habe.
eine besonders einprägsame Formulierung wiederhole, mit der ich am Anfang einen Akzent gesetzt habe.
Dadurch bekommt der Zuhörer ein Gefühl von “rundem Abschluss”. Und damit bin ich bereits beim zweiten Punkt: Bitte nur ein Schluss! Sobald der Redner den Schluss angekündigt hat, muss der Schluss auch kommen, und ich würde sagen: innerhalb von maximal 3 Minuten. Eine Ankündigung des Schlusses kann ausdrücklich (“Ich komme zum Schluss”) oder auch ganz beiläufig geschehen, da reicht oft schon ein entsprechend betontes Also. Ich muss daher darauf achten, dass mir dieses Also nicht einfach so herausrutscht und den Zuhörern ein falsches Gefühl von Zuspitzung auf das Ende hin vermittelt. Das ist mit ein Grund, weshalb der Schluss (wie auch der Anfang) besonders gründlich vorbereitet werden muss. Es gibt kaum etwas Schmerzhafteres als ein ausgefranstes Redeende: Man spürt, dass der Redner eigentlich am Schluss (oder am Ende) ist, doch er weiss nicht genau, wie er jetzt genau aufhören soll. Vielleicht ist er auch unsicher, ob er genügend klar betont hat, was ihm wichtig ist. Und dann redet er weiter. Und mit jedem Wort und mit jedem Satz wird es schlimmer und schmerzhafter. Er findet sie einfach nicht: die Formulierung, die würdig ist, den unwiderruflichen Schlusspunkt unter seine Ausführungen zu setzen. Eine solche Formulierung fällt einem in der Regel auch nicht beim Reden zu. Sie muss vorbereitet sein. Und wenn die Vorbereitung stimmt, setzt man diesen Punkt im richtigen Moment. Entschlossen. Endgültig.
Was will ich mit meiner Rede erreichen? Das ist die erste Frage, die der Redner sich stellen muss. – Die klassische Rhetorik unterscheidet zwischen zwei Anliegen: Entweder geht es mir darum, mein Publikum von meinem Standpunkt zu überzeugen und zu einer Entscheidung zu bewegen. Das ist der Normalfall, der sich zeitlich rückwärts richten kann (wenn ein Ereignis beurteilt wird, klassischerweise vor Gericht) oder vorwärts (bei einer Entscheidung für die Zukunft). Die zweite Möglichkeit ist eine einfache Informationsrede, in der ich meine Haltung gegenüber meinem Thema zum Ausdruck bringe. In der Klassik unterschied man zwischen Lob- und Tadelrede, und das gibt auch für heute ein gutes Beispiel ab: Wenn ich beim Weihnachtsessen in der Firma das Glas erhebe, um eine (hoffentlich) kurze Tischrede zu halten, dann will ich dort in der Regel niemanden von irgendetwas überzeugen. Vielmehr gebe ich meiner Freude über das gelungene Jahr Ausdruck – oder meinem Ärger über die unloyalen Mitarbeiter.
Es ist nicht dasselbe, ob ich
über die Funktionsweise eines Elektroautos referiere – oder
mein Publikum davon überzeugen will, weshalb der Umstieg auf ein Elektroauto für jeden einzelnen ein gewinnbringender Schritt wäre.
Ist diese Entscheidung gefällt, gilt es, das Material für die Rede zusammenzutragen. Das ist in jedem Fall nötig, ganz egal, ob ich zu einem Thema sprechen muss, über das ich schon viel weiss, oder ob ich mich in ein ganz neues Gebiet einzuarbeiten habe. Auf jeden Fall muss ich festlegen, welchen Informationen ich in meiner Rede Platz geben möchte und was ich weglasse. Beim Sammeln ist mir Weite sehr wichtig: Ich versuche, mein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Dazu besorge ich mir Informationen aus verschiedenen Quellen; das Internet erleichtert uns das massiv, doch ist es hier oft schwer, die Qualität der Informationen zu beurteilen. Zudem setze ich Werkzeuge ein, die mich dazu zwingen, ausserhalb meiner gewohnten Grenzen zu denken. Ein Mittel, das dafür sehr gut geeignet ist, sind die so genannten Analograffiti-Techniken von Vera F. Birkenbihl. Hierbei wird zu einem Wort einfach und visuell unterstützt drauflosgedacht. Ich kann das hier natürlich nicht im Detail schildern, füge aber gerne ein Video ein (Dauer 7:27, aber nach 2 Minuten ist schon klar, worum es geht).
Nochmals: Der wichtige Punkt in dieser Phase der inventio ist die offene Wahrnehmung. Den Kritikfilter schraube ich weit zurück, denn gewichten und beurteilen will ich erst später. Jetzt geht es um Weite, um Masse. Und selbst bei einem Thema, zu dem ich schon viel weiss, sehe ich hier immer eine Chance, noch etwas dazuzulernen.
Was wird denn nun gesammelt? – Das ist abhängig von der eingangs gefällten Entscheidung.
Ich will am Firmenessen 4 freundliche Minuten über das erfolgreiche Jahr sprechen, das sich dem Ende zuneigt. Also werde ich mich in der inventio auf Punkte konzentrieren, die diesen Erfolg fassbar machen. Ähnlich kann ich vorgehen, wenn ich den Jahresbericht meines Schachclubs vorbereite. (Nein, Jahresberichte müssen nicht langweilig sein. Das steht nicht in den Statuten.)
Etwas anders liegt die Sache, wenn ich eine Überzeugungsrede vorbereite. Hier wird sich der Hauptteil der inventio damit befassen, die geeigneten Argumente zu finden, um meinen Punkt deutlich zu machen und mein Publikum in die gewünschte Richtung zu führen. Wieder ist ungehindertes Denken ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg, denn es kann fatal werden, wenn ich meine Sicht der Dinge einfach auf mein Publikum übertrage. Wer sagt denn, dass das Argument, das mir als das gewichtigste erscheint, auch bei meinen Zuhörern zieht? Ich muss mir also viel Zeit nehmen, die Sache, für die ich plädieren will, aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, verschiedene Begründungen zusammenzutragen – und dann zu entscheiden.
Ich arbeite in einer Reinigungsfirma. Die Zeiten sind schwer, weil wegen der schweren Zeiten weniger Leute putzen lassen und mehr selber putzen. Nun möchte ich die Geschäftsleitung davon überzeugen, trotz trostloser Perspektive in eine neue Staubsaugerflotte mit Pollen- und Milbenfilter und kosmischer Saugleistung zu investieren: den “Sucker V-21”. Vorstellbare Ansätze, in den 10 Minuten Sprechzeit, die mir zugestanden wurden, zu überzeugen, könnten so aussehen:
Die Konkurrenz hat den Sucker V-21 auch – und könnte uns abhängen.
Gerade jetzt ist es wichtig, den Firmenwert “Innovation” zu pflegen und ein mutiges Zeichen nach vorn zu setzen.
Der Sucker V-21 ist wartungsarm und wird mittelfristig helfen, Kosten zu sparen.
Die Mitarbeiter werden begeistert sein, und motivierte Mitarbeiter sind in einem Dienstleistungsunternehmen das grösste Kapital.
Mit 1. spreche ich den Wettbewerbseifer an, mit 2. den Unternehmerstolz, 3. wirkt durch nackte Kalkulation und 4. geht ans Herz.
Um mit einer Überzeugungsrede sein Ziel zu erreichen, lohnt es sich, die verschiedenen Argumente gründlich abzuwägen und dann eine Entscheidung zu treffen. Nicht die Masse bringt den Erfolg. Es geht nicht darum, mit einer Schrotflinte zu feuern und zu hoffen, dass wenigstens eine Kugel trifft. Eine solche Argumentenmasse – und Masse darf hier gerne mit dem Bild eines Breies verknüpft werden – wird unfassbar und ermüdend. Als Redner entscheide ich mich für ein Argument (manchmal vielleicht auch zwei oder höchstens drei, besser aber nur eines) und spitze das in meiner Rede so zu, dass es sitzt. Das gilt natürlich nicht nur für das Sammeln von Argumenten. Auch die Kollegen werden meine Tischrede eher geniessen, wenn ich 3 Erfolgsgeschichten des letzten Geschäftsjahres lebendig Revue passieren lasse, als wenn ich sie mit einer unendlichen Stichwortliste langweile, auf der jeder neue Punkt den vorangehenden zerdrückt.
Die Sammelphase muss über das Ziel hinausgehen. Ich muss zu viel Material anhäufen. Wenn ich aufhöre, sobald ich den Eindruck habe, jetzt reiche es für 10 Minuten, dann höre ich am besten gleich ganz auf. Ich brauche zu viel. Und dann muss ich entscheiden: Welchen Teil der Sammlung will ich nun verwenden? Was unterstützt mein Anliegen? Auch wenn es darum geht, in die Funktionsweise von Elektroautos einzuführen, also ein Informationsreferat zu halten, steht diese Entscheidung an. Ich werde nicht alles sagen können. Hier hilft die Frage weiter, was im Rahmen der Vorgaben nun die wesentlichen Punkte sind. Ich überlege mir: Wer ist mein Publikum? Was interessiert sie? Welches Vorwissen bringen sie mit? Welche Bedürfnisse? Und welche Aspekte meines Themas betrachte ich als die zentralen?
Am Ende der inventio will ich sagen können: Das ist mein Thema! Ich will begeistert sein und motiviert, meine Gedanken den Zuhörern zu präsentieren. Nicht alles, was ich auf meiner Sammeltour zusammengetragen habe, kann ich jetzt auch in meiner Rede platzieren. Es ist einfach zu eng. Wenn das Weglassen nun weh tut, wenn jeder Schnitt schmerzt und ich mir immer wieder denke: “Das wäre aber auch noch wichtig oder hilfreich oder einfach nur interessant!” – dann werte ich das als klares Zeichen, dass die inventio gelungen ist.
Kategorien können hilfreich sein. Sie können die Dinge übersichtlicher und leichter fassbar machen. Man erlebt das zum Beispiel beim Versuch, etwas abzuzeichnen. Diese beiden Boxer proportional richtig auf ein Blatt zu kopieren, dürfte für die meisten eine beträchtliche Herausforderung darstellen:
Viel einfacher wird es, wenn ein Raster über der Zeichnung liegt. So:
Diesen Trick habe ich als Kind oft angewendet. Die Hilfslinien zerlegen das Bild in überschaubare Bausteine, so dass die Dimensionen der einzelnen Bildteile sowie ihre Beziehungen zueinander leichter zu erfassen sind. Genau dasselbe können Kategorien leisten. Sie zerlegen Grosses, Unübersichtliches und Komplexes, ziehen quasi Hilfslinien durch schwer überschaubare Gebiete.
Als ein solches Netz von Hilfslinien habe ich die Kategorien der klassischen Rhetorik erlebt und so setze ich sie auch in meinen Kursen ein. Sie ermöglichen Orientierung und helfen dabei, Prozesse zu gliedern, leichter verdaulich und damit schmackhafter zu machen. Zum Beispiel das Erstellen einer Rede. Womit ich nun endlich beim Thema wäre.
Die klassische Rhetorik bietet uns mehr als Tipps dafür, was wir während des Vortrags mit unseren Händen (oder Füssen) machen sollen. Sie setzt mit ihren Werkzeugen viel früher an und bahnt uns einen Weg vom ersten Gedanken für eine Rede bis zum Vortrag selbst. Eine Rede zu bauen ist nämlich nicht einfach. Und es ist umso schwieriger, wenn man keine Ahnung hat, wie man vorgehen soll. Sehr hilfreich sind daher die 5 Schritte, in welche die klassische Rhetorik das Vorbereiten und Durchführen einer Rede zerlegt. Diese Schritte werden “Produktionsstadien” genannt. (Der Fachbegriff für die Produktionsstadien lautet partes artis. Die systematische Rhetorik bedient sich für ihren Fachwortschatz des Lateinischen und des Griechischen. Besonders wichtig ist das nicht, und ich werde mich bemühen, hier konsequent deutsche Begriffe zu setzen. Die Fachausdrücke folgen dann in Klammern, damit auch jene, die auf Google “inventio” eintippen, zu einem Besuch auf verständlich.ch eingeladen werden.)
Nun aber zur Sache, nämlich zu den Produktionsstadien. Sie lauten:
Diese Kategorien sind als Hilfslinien zu verstehen. Und da ich immer wieder höre, dass Menschen sie tatsächlich als hilfreich erleben und das auch meiner eigenen Erfahrung entspricht, werde ich in den nächsten Wochen auf verständlich.ch eine Reihe von Artikeln über die Produktionsstadien veröffentlichen. Dabei geht es mir nicht um theoretische Analysen oder eine grundlegende Einführung in die klassische Rhetorik. Es geht darum, wie man eine Rede bauen kann. Ganz praktisch. Ganz handfest.
Weil eine unserer Töchter krank wurde, verbrachten wir Silvester anders als geplant, nämlich zu Hause. Dadurch bot sich immerhin die Gelegenheit, das eben auf DVD erhaltene Grönemeyer-Konzert anzusehen. Die Energie der Darbietung war beeindruckend, und zudem bot die Scheibe Untertitel, die mir erlaubten, die Texte lückenlos mitzuverfolgen. Denn ich muss zugeben: Wenn Herbert ins Mikro bellt, dann reisst bei mir manchmal der Faden. Nicht der Geduldsfaden, sondern der rote, an dem ich mich durch den Text führen lasse. Ich versteh einfach nicht alles. Aber was ich verstehe, zeugt von solcher “Sprachlust und Virtuosität” (so hat das Mike gesagt, und ich bin ganz einverstanden), dass es mich tief packt.
Einer meiner derzeitig liebsten Grönemeyer-Songs ist “Lache, wenn’s nicht zum Weinen reicht.” Hier zeigen sich deutlich die Qualitäten, die ich an Grönemeyers Texten so schätze. Gleich zur Eröffnung heisst es:
Tausend Haare in der Suppe
Und dein Löffel hat ein Loch
Es fällt keine Sternschnuppe
Deine Kerze hat keinen Docht
Diesen Bildern des ewigen Verlierers kann man sich kaum entziehen. Sie haben eine überwältigende Kommunikationskraft und transportieren Gefühlte, ohne direkt von ihnen zu sprechen. Zum Beispiel die Kerze ohne Docht. Das ist schlimmer, als einfach keine Kerze zu haben. Hier steckt mehr Verlust und mehr Enttäuschung drin – ohne dass diese direkt und kompliziert benannt werden müssen. Später dann:
Es steckt kein Geist mehr in der Flasche
Fürs Paradies fehlt die Fantasie
Die falschen Wünsche in Erfüllung
Keine Liebe, keine Poesie
Die falschen Wünsche in Erfüllung? – Jeder hat ja mal Glück, jedem wird mal ein Wunsch erfüllt. Das weiss man. Deshalb ist es viel schlimmer, den falschen Wunsch erfüllt zu sehen. Die Chance, dass der wichtigste Wunsch auch noch wahr wird, schrumpft dadurch auf ein Nichts zusammen. Wer auf der Strasse ein leeres Portemonnaie findet, wird kaum davon ausgehen, dass es sich dabei nur um die Vorstufe eines ergiebigeren Fundes handelt, der demnächst zu erwarten ist. (Ich weiss schon: Das Beispiel hinkt. Selbstverständlich würden wir alle ein Portemonnaie auf dem Fundbüro abgeben. Aber immerhin ist der Finderlohn bei sehr viel Geld höher als bei leer.)
Ich will diese Texte nicht mit Deutungen überfrachten. Es geht mir nicht um die Interpretation und schon gar nicht darum, Einfaches kompliziert zu machen. Vielmehr möchte ich die Kraft solch einfacher Bildsprache unterstreichen. In der Regel steht hinter so treffenden Bildern sehr viel Arbeit; ich vermute, das ist auch bei Herbert Grönemeyer nicht anders. Es klingt verspielt und leicht, aber der Weg dahin kann weit sein. Am Anfang steht ein Gefühl, das transportiert werden soll und am Ende ein schlichtes Bild, das dieses Gefühl klarer und kraftvoller auf den Punkt bringt, als tausend Sätze es könnten. – Und jetzt die gute Nachricht: Die Kraft dieser Bilder ist nicht der dichterischen Sprache vorbehalten. Warum sollte sie das sein? Sie darf in unserem alltäglichen Reden ihren Platz finden. Dieser Gedanke läuft in zwei Richtungen:
Wer öffentlich kommuniziert, Reden und Referate hält, wer Menschen ansprechen und überzeugen will, tut gut daran, hier nicht an Aufwand zu sparen. Treffende Bilder zu finden erscheint unverhältnismässig aufwändig. Schliesslich macht es den Eindruck, als würden sie dem Inhalt nichts mehr hinzufügen, sondern diesen nur noch dekorieren. Aber eine treffende Bildsprache ist viel mehr als Dekoration und kann dem Anliegen des Redners zum Durchbruch beim Publikum verhelfen.
Auch im Alltag hat das Bilderreden seine Berechtigung. Zunächst einmal macht es die Kommunikation einfach farbiger und schöner, was eigentlich schon Grund genug ist. Dann aber kann es auch als Übungsfeld dienen. Hier hat man keine Zeit für grosse Vorbereitungen, aber wenn wir uns angewöhnen, unsere Worte durch Bilder lebendiger zu machen, dann bringt das wertvolle Erfahrungen für das Referieren mit Bildern. Mit der Zeit wird diese Art, Dinge auf den bildhaften Punkt zu bringen, zu einem Teil unseres normalen Redens und Schreibens. Es wird leichter, wirklich passende Bilder zu finden, weil wir die Welt um und in uns anders, bildhafter eben, wahrnehmen.
“Lasst uns den Baum anzünden!” – Das hört man in der Weihnachtszeit oft, und in der Regel lässt eine Antwort nicht lange auf sich warten. Dann heisst es ungefähr: “Doch lieber nur die Kerzen.” Am Anfang war das auch noch lustig und originell, aber jährliche Wiederholungen fördern die Kraft von Witzen nicht – auch nicht in den traditionsgeprägten Festtagen. Doch immerhin gibt dieser Spruch ein willkommenes Sprungbrett ab, um kurz über eine verbreitete sprachliche Erscheinung nachzudenken, die schon längst den Weg aus der Rhetorik in unseren Alltag gefunden hat: die Synekdoche. (Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe: Synekdoche.)
Hinter diesem klangvollen Wort (ich würde mir ernsthaft überlegen, meine dritte Tochter so zu nennen) verbirgt sich eine der so genannten rhetorischen “Stilfiguren”, mit deren Hilfe ein Text kunstvoll gestaltet werden kann. Vor allem sollen sie ihn schöner und überzeugender machen. Die Synekdoche tut das, indem sie einen Begriff mit einem anderen ersetzt. Natürlich nicht mit einem beliebigen, das würde das Verständnis doch erheblich erschweren. Die Synekdoche sucht sich als Ersatz einen Begriff, der in einer direkten Beziehung mit dem zu ersetzenden Ausdruck steht. So kann das aussehen:
Teil und Ganzes werden vertauscht. Zum Beispiel hat man gerne “ein Dach über dem Kopf”, meint damit aber ein ganzes Haus rundherum. Oder man “zündet den Christbaum an”, sagt das jedenfalls, meint aber nur einen Teil davon, nämlich die Kerzen.
Allgemeines und Spezielles werden vertauscht. Zum Beispiel steht die Gattung für die Art: “Kaum im Zoo angekommen, machten wir uns auf die Suche nach den Löwen. Doch so sehr wir uns auch bemühten, die Katzen blieben unauffindbar.” (Hier wird der allgemeinere Begriff Katze für die spezielle Art Löwe verwendet.) Das Spezielle steht für das Allgemeine in: “Unser tägliches Brot gib uns heute.” Wir wollen ja mehr essen als immer nur Brot.
Das Nachfolgende und das Vorausgehende werden vertauscht. So kann der Rohstoff für das Endprodukt stehen, zum Beispiel Traubensaft für Wein.
Einzahl und Mehrzahl werden vertauscht. “Der Schweizer isst gerne Schokolade.” Wenn die Mehrzahl für die Einzahl steht, hat man es meist mit einem König oder Diktator zu tun: “Wir befehlen eine landesweite Suche nach dem besten Mann für unsere Prinzessin!”
Es ist leicht zu erkennen: Die Synekdoche ist fester Bestandteil unserer Alltagssprache, vor allem in den Varianten 1 und 2. Das zeigt sich nicht nur beim Christbaumanzünden. Ja, wer darauf mit “doch lieber nur die Kerzen!” reagiert, müsste bei “ein Glas trinken“ ebenfalls witzig werden.
Übrigens: Die Feuerwehr warnt nachdrücklich davor, die Christbaumkerzen am inzwischen trockenen Baum zu Silvester nochmals anzuzünden. Ansonsten könnte passieren, wovon wir immer wieder reden: Der Baum brennt.
Hier schreibe ich über Dinge, die mit Sprache zu tun haben. Es geht um Wörter. Um Reden. Um Übersetzen. Um Schreiben. Um Lesen. Um Grammatik. Um Verstehen.
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Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen, und dorthin rudern, wo sie nicht mehr stehen können. — Friesisches Sprichwort