Archiv für die Kategorie: “Wörter”

Ich hatte kürzlich Geburtstag und habe bei dieser Gelegenheit auch einige Geschenke bekommen. Darunter war eine Blechschachtel mit der viel versprechenden Aufschrift “Wörter für Cla”. In der Schachtel lagen 40 kreativ gestaltete Karten mit jeweils einem Wort. Wunderschön.

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Neulich konnte ich wieder einmal über die Flexibilität der deutschen Sprache staunen. Das hat mich gefreut, und Freude teilt man gerne. Ich stand im Gang eines doppelstöckigen Intercityzuges und las, was es zu lesen gab: die Schilder an den Wänden. Dazu gehörte auch dieses:

lebensgefahr_web

Neben der erfrischend bunt zusammengewürfelten Piktogrammsprache fiel mir der unterste Abschnitt auf und daran die konzentrierte Warnung am Zeilenende in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch (es lebe die Vielsprachigkeit!):

Lebensgefahr
Danger de mort
Pericolo di morte
Risk of death

Alle reden vom Tod, nur das Deutsche nicht. Das ist doch bemerkenswert. Da ich sprachlich nur unwesentlich weiter versiert bin als dieses Schild, kann ich hier einzig noch die griechische Variante anfügen: κίνδυνος θανάτου! (κindynos thanatοu!) – und auch die spricht vom Tod. Ganz schön bedrückend. Und im Gegensatz dazu belebend, wie frech die deutsche Sprache aus der Reihe tanzt. Dabei – und jetzt kommt der Clou – könnte man hier ja genauso gut Todesgefahr schreiben. Das würde auch funktionieren. Lebensgefahr und Todesgefahr bedeuten dasselbe. (Wenn Sprache Mathematik wäre, könnte man jetzt auf beiden Seiten Gefahr abziehen und hätte dann die paradoxe Gleichung Leben = Tod. Eine verführerische Gedankenspielerei.) Möglich ist so etwas, weil zusammengesetzte Wörter im Deutschen nicht immer nach dem gleichen Muster gestrickt werden. (Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben.) So bezeichnet der erste Teil der Lebensgefahr das gefährdete Objekt, während die Todesgefahr das Resultat vor Augen führt.

Bleibt die Frage, was denn nun angemessener ist. Und da muss ich zugeben, dass mir die eigenwillige deutsche Linie nur als zweitbeste Variante erscheint. Für diese Beurteilung ist der Kontext entscheidend, denn hier geht es ja nicht um eine Beschreibung, sondern um eine Warnung. Eine Warnung muss wirken. Und wirken wird sie wohl dann, wenn sie Emotionen erzeugt – und zwar ungute. Todesgefahr scheint mir schneller und direkter ein abschreckendes Bild vor Augen zu malen als Lebensgefahr. So empfinde ich das jedenfalls.

Wie sieht es in anderen Sprachen aus? Ich bitte meine fremdsprachenbegnadeten Leser, in den Kommentaren Varianten zu ergänzen. Es wäre doch interessant zu sehen, wie einsam das Deutsche mit seiner Lebensgefahr in der europäischen und globalen Sprachlandschaft tatsächlich dasteht.

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Fachsprachen haben es an sich, dass sie von nicht Eingeweihten nur schwer verstanden werden. Das gilt auch für den Mediziner-Jargon, ein Thema, das mich speziell interessiert, weil Verständigungsschwierigkeiten hier besonders belastend sein können. Die medizinische Fachsprache ist vor allem deshalb für Laien schwer verständlich, weil sie voll von Fremdwörtern ist. Da kann ein überraschendes deutsches Wort einschlagen wie eine Bombe, was mir (wie hier berichtet) vor einigen Monaten geschah, als ich medizinische Texte überarbeitete. Nun wurde ich darauf aufmerksam gemacht (herzlichen Dank Rahel!), dass es neben dem dort entdeckten Vernichtungsschmerz auch den so genannten Durchbruchschmerz gibt. palliative ch, die Zeitschrift der Schweizerischen Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung, behandelt dieses Thema in ihrer Frühlingsausgabe. Durchbruchschmerz wird dort definiert als

… ein vorübergehender, starker Schmerzanstieg bei sonst gut kotrolliertem Basisschmerz.

Die Art, wie der Artikel formuliert ist, lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Fachartikel handelt. Da heisst es zum Beispiel:

Qualität und Ursprung: Einfach oder gemischt neuropathisch, nozizeptiv, somatisch oder viszeral (kolikartig oder nicht kolikartig).

Und im Zentrum dieses für mich schwer zugänglichen Textes steht nun ein sehr deutsches, handfestes, überhaupt nicht gebildet klingendes Wort. Durchbruchschmerz. Ich frage mich: Warum? Sicher hätte ein Arzt einen angemessenen lateinisch- oder griechischstämmigen Begriff gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Durchbruchschmerz eine Notlösung ist. Aber vielleicht war denen, die diesen Begriff installiert haben, auch klar, dass kein Fremdwort einen Deutsch sprechenden Menschen spüren lassen kann, was er spürt, wenn er Durchbruchschmerz oder Vernichtungsschmerz hört. Ob mit der Wahl des Fachbegriffes dieser Effekt beabsichtigt wurde? Ich weiss es nicht, könnte es mir aber vorstellen. Schliesslich geht es um Kommunikation, darum, etwas zu vermitteln. Und dabei kommt nicht nur das Hirn als Empfangsorgan zum Einsatz, sondern auch der Bauch. Warum sollte er da nicht gezielt angesprochen werden, um eine Botschaft nicht nur verständlich, sondern eben spürbar zu machen?

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Die Schweiz ist im Eishockeyfieber, ein bisschen jedenfalls. In unseren Stadien läuft die Weltmeisterschaft, und die Neue Zürcher Zeitung bietet nun täglich mehr oder weniger interessante Hintergrundinformationen zu diesem Sport, der meiner Meinung nach nicht so richtig zum gerade angebrochenen Frühling passen will. In der heutigen Ausgabe geht es um den Puck. Seine Entwicklung wird an einer Reihe verschiedener Modelle gezeigt:

Holzpuck – Lederpuck – Hartgummipuck – Kinderpuck

Kinderpuck? Der will nicht so recht in die Reihe passen. Meinem Empfinden nach erzeugt er kombiniert mit Lederpuck sogar sehr ungute Gefühle. Der Grund ist schnell erkannt: In den ersten drei Varianten bezeichnet der erste Teil des Wortes das Material, beim Kinderpuck aber die beabsichtigten Verwender. So ist das mit so genannten “Komposita”, also Wörtern, die aus mehreren Wörtern zusammengesetzt werden: Sie funktionieren unterschiedlich, wobei immer das erste Glied der Verbindung für diese Nuancen verantwortlich ist. Das zweite Glied (auch “Grundwort” genannt) bezeichnet zuverlässig, worum es eigentlich geht. In unserem Fall also um einen Puck. Der Puck-Artikel in der NZZ bietet eine weitere Variante und erwähnt den 1886 eingeführten Achtkantpuck. Hier bezeichnet das erste Glied weder Material noch Zielgruppe, sondern die Form.

Die innige Beziehung, die zwei Wörter eingehen, um ein neues Wort zu bilden, kann also sehr unterschiedliche Gründe haben. Immer jedoch dient das erste Wort dem zweiten als Ergänzung oder Präzisierung: Es kann das verwendete Material bezeichnen (Hartgummipuck oder Strohdach – nicht aber Flachdach oder Kaffeekanne), die Zielgruppe (Kinderpuck oder Hundehütte – nicht aber Holzhütte oder Hundedreck), die Form (Achtkantpuck oder Kreissäge – nicht aber Stichsäge oder Küchenmesser), den Zweck (Teetasse oder Fleischmesser – nicht aber Springmesser oder Holzhammer).

Die Reihe liesse sich noch lange fortsetzen. Zu bedenken wären beispielsweise: Taschenmesser, Küchenmesser, Handtasche, Streitlust, Heimweh, Abschlusszeugnis, Autoreifen, Bildungsreform …

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In einem medizinischen Text (über Aortenaneurysmen, falls das jemanden interessiert) bin ich vor einigen Tagen auf ein Wort gestossen, das mich beinahe umgehauen hat, wie einer einen Baum umhaut.

Vernichtungsschmerz

Dieses Wort macht das Gemeinte (seine Bedeutung, wenn man so will) nicht nur versteh-, sondern spürbar. Dieses Wort tut weh. Als ich es las, fühlte ich das Kaputtgehen fast am eigenen Leib.

vernichtungsschmerz_web

Erstaunlich, was ein Wort leisten kann, wieviel Kommunikationskraft in einem einfachen Begriff liegt. Ich will diese Wirkung hier nicht analysieren, nur feststellen. Bereits in früheren Beiträgen habe ich erwähnt, für wie wichtig ich das Bauchgefühl halte, wenn es darum geht, die Wirkung eines sprachlichen Ausdrucks zu beurteilen. Der Vernichtungsschmerz bestätigt das. Als ich einem Freund davon erzählte und das Wort nannte, verzog er sein Gesicht.

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gut_gerutscht_web

Natürlich gibt es immer wieder einmal Glatteis im Winter – also auch rund um den Jahreswechsel herum. Dass die verbreitete Rutscherei ins neue Jahr damit jedoch nichts zu tun hat, dafür aber mit etwas ganz anderem, klärt theolobias in einem kleinen feinen Beitrag zum Jahresende.

Allen alles Gute für 2009!

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Das Ereignis, das dem Weihnachtsfest zugrunde liegt, wird im Johannesevangelium so knapp auf den Punkt gebracht, dass es beinahe schmerzt:

Und das Wort wurde Fleisch.

Wer an Sprache interessiert ist, muss ob diesem Satz in Verzückung geraten. Erstens liegt in der Kürze bekanntlich die Würze, und zweitens wird hier beschrieben, was sich jeder wünscht, der redet oder schreibt: Das Wort wird fassbar. Lebendig. Aus dem Abstrakten wird etwas Konkretes.

wort_zum_anfassen

Zurück zu Weihnachten: Das Johannesevangelium beginnt mit dem liebsten Bibelvers jedes Sprachwissenschaftlers:

Am Anfang war das Wort.

Dass dieses Wort, das immer schon dagewesen war, nun “Fleisch” wird, bildet den Kern des Weihnachtsgeschehens. Die Theologie nennt dieses Ereignis Fleischwerdung oder Inkarnation. (Das Mittelstück ist übrigens dasselbe wie im Chili con Carne – sprachlich jedenfalls.) In Jesus von Nazareth wurde der unfassbare Gott fassbar. Und wer das Ende der Geschichte kennt, weiss, dass das durchaus wörtlich zu verstehen ist. Dieses Wort ist daher Vorbild für viele weitere Wörter, die ebenfalls fassbar werden und Spuren hinterlassen sollen. Auf diesem Weg ermöglichen Wörter Kommunikation, Verständnis, Gemeinschaft. Auch das ist gut zu erkennen an Jesus von Nazareth, der – wie es scheint – mehr Zeit mit Essen und Trinken als mit Predigen verbrachte.

Frohe Weihnachten!

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Aus dem fernen Kiew hat mich vor zwei Tagen ein Mail meiner Schwägerin erreicht. Es enthielt unter anderem auch sprachlich Bedenkenswertes:

Und zum Abschluss schicke ich dir noch einen Gedanken zu meinem Büropostfach, in dem ich vor einigen Wochen eine Nachricht mit der Bitte um “zeitnahe” Antwort fand. Dieses Wort ist mir schon öfters untergekommen und wirkt auf mich sicher nicht beschleunigend, es stimmt eher nachdenklich. Leben wir etwa in einem Vakuum oder abgetrennt von der Zeit, hasten wir der Zeit tatsächlich andauernd hinterher oder sind ihr voraus? Können wir die Distanz zur Zeit beeinflussen?

Ich muss zugeben, dass mir das Wort zeitnah überhaupt nicht geläufig ist. Das liegt wohl am schweizerischen Umfeld, denn auch ich lebe durchaus in einer Welt, in der man es oft eilig hat. Und genau darum scheint es bei zeitnah zu gehen. Die Bedeutung des Wortes ist also immerhin recht schnell – zeitnah eben – zu erfassen. Abgesehen davon beschleicht jedoch auch mich Unbehagen bei der Vorstellung, um eine zeitnahe Antwort gebeten zu werden. Das Wort wirkt auf mich unsympathisch und steril – und dies nicht nur, weil seine Bauweise etwas irritiert. (Nahe an der Zeit? An welcher Zeit denn?)

Erstens weckt es mein Misstrauen. Warum kann man nicht baldig sagen? Oder schnell? Was ist denn an diesen Wörtern nicht mehr gut genug? Welcher Unterschied besteht zwischen folgenden zwei Sätzen:

  1. Ich bitte Sie um eine schnelle Antwort.
  2. Ich bitte Sie um eine zeitnahe Antwort.

Bei 2 habe ich den Eindruck, dass der Verfasser zwar schnell meint, das Wort aber nicht verwenden will. Vielleicht scheint es ihm zu direkt, und er hat Angst, unhöflich zu wirken. Dabei ist unsere Sprache doch genau dafür da: Sie hilft uns zu sagen, was wir meinen. Und da ist der direkte Weg meist der ehrlichste. Ein solcher Satz steht ja auch in einem Kontext, welcher deutlich macht, wie höflich oder unhöflich eine Aussage gemeint ist.

Zweitens klingt zeitnah für mich nach typischem Bürokratenjargon, der von Wörtern und Formulierungen strotzt, die nach mehr klingen als sie bedeuten. Auf den ersten Blick erwecken sie den Eindruck, dass sich jemand ganz besonders gewählt und gehoben auszudrücken weiss. Dabei verbirgt sich hinter diesen Blähformulierungen nicht mehr als ein in heisse Luft gehülltes einfacheres Wort. Das unsympathische Zeitnah ist ein klares, sauberes Schnell mit einem Minderwertigkeitskomplex. Leider erzielen diese aufgeblasenen Formulierungen jedoch oft die gewünschte Wirkung: Sie machen Eindruck. Gleichzeitig vermitteln sie ein Gefühl von Distanz. Satz 1 von oben ist nicht nur klarer und mit weniger Aufwand zu verstehen, er gibt mir auch das Gefühl, dass der Verfasser mir näher steht als jener von Satz 2. Das künstlich wirkende zeitnah rückt den Verfasser (und damit auch sein Anliegen) in die Ferne. Den gleichen Effekt stellte ich vorhin beim Radiohören fest, als eine Sprecherin der Polizei vom “grossen Verkehrsaufkommen” redete. Warum sagt sie nicht einfach “viel Verkehr”? Ich vermute, um ihren Expertenstatus zu unterstreichen und den Eindruck zu vermitteln, dass sie weiss, wovon sie spricht. Im Gegensatz zum Zuhörer.

Der deutsche Psychologie Friedemann Schulz von Thun beschreibt in seinem Klassiker Miteinander reden, Band 1 ausführlich die distanzierende Wirkung gewisser Formulierungen (er nennt dies “Imponier-“ und “Fassadentechniken”), welche sowohl bewusst wie auch unbewusst eingesetzt werden. Seine Ausführungen helfen dabei, die eigene Sprache deutlicher wahrzunehmen und so zu gestalten, dass das geschieht, was geschehen soll, wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen: eine Annäherung.

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“Mit ‘und’ beginnt man keinen Satz!” Das hatte ich in der Schule gelernt. Als ich mir vor kurzem wieder einmal “The Queen and the Soldier” der amerikanischen Liedermacherin Suzanne Vega anhörte, fiel mir auf, wie grosszügig Frau Vega ihre kurzen Hauptsätze mit dem angeblich unwerten weil unpräzisen Wort verbindet. Mir fiel auch auf, welchen Effekt das bei mir hatte. Zum Beispiel in der fünften Strophe:

Well the young Queen she fixed him with an arrogant eye.
She said: “You won’t understand and you may as well not try.”
But her face was a child’s and he thought she would cry.
And she closed herself up like a fan.

Und meine etwas holprige Übersetzung:

Die junge Königin sah ihn arrogant an.
Sie sagte: “Das verstehst du nicht, musst es gar nicht erst versuchen.”
Doch ihr Gesicht war das eines Kindes und er dachte, sie würde weinen.
Und sie verschloss sich wie ein Fächer.

Das “Und” in der letzten Zeile wirkt überhaupt nicht schwach. Schon gar nicht weckt es den Eindruck, Frau Vega habe halt nichts Treffenderes gefunden. Vielmehr verstärkt diese neutrale Verknüpfung die Spannung zwischen den letzten beiden Sätzen, ja, ich möchte sagen, es verhilft ihnen erst zur vollen Schönheit, lässt sie ihre Kraft ganz entfalten – viel mehr, als es mit “aber” oder “jedoch” möglich gewesen wäre. Das schwache “Und” stellt sich ganz in den Dienst der Sätze, die es zueinander in Beziehung bringt. Schön.

Und hier noch die musikalische Inspiration zu diesem Artikel:

Und jetzt beginnt dieser Blog.

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