SarcMark: eine sagenhafte Idee!

sarcmarkMissverständnisse gehören zur Kommunikation wie die übergekochte Milch in die Küche. Es kommt einfach vor. Manchmal haben solche Verdrehungen damit zu tun, dass einer besonders originell sein will und nicht sagt, was er meint, sondern das Gegenteil davon. So zum Beispiel:

Vielen Dank, dass du mir das Dossier “Kundenzufriedenheit” herübergeschoben hast. Da ich chronisch zu wenig Arbeit habe, macht mich diese zusätzliche Herausforderung richtig glücklich.

Wenn der Empfänger dieser Nachricht den Biss nicht spürt, freut er sich womöglich aufrichtig mit seinem Kollegen und legt bereits die nächsten Dossiers in die Pipeline, um dessen Euphorie noch zu steigern.

Aus dieser grossen Not heraus wurde das SarcMark entwickelt. Es ist ein unansehnlicher Kringel mit einem Punkt in der Mitte und soll dazu dienen, sarkastische Äusserungen in E-Mails unmissverständlich als sarkastisch zu kennzeichnen.

Echt?

Genau das habe ich mich auch gefragt. Und jetzt muss ich anfügen: ja, ganz echt.

Bestimmt ist das die blödeste Idee, die mir in diesem (immerhin noch jungen) Jahr über den Weg geraten ist. Wozu, bitte schön, soll denn so etwas gut sein?

Weiterlesen:

Ironie behindert.

Bill Clinton spricht zur Einweihung des “Center for Disability and Integration” an der Universität St. Gallen, während sich landauf, landab Menschen darüber aufregen, dass es von unseren öffentlichen Plakatwänden ruft: “Behinderte kosten uns nur Geld.” Inzwischen wurde bekannt, dass hinter den vorerst anonymen Plakaten die Invalidenversicherung steht, die mit den Provokationen für die Anliegen Behinderter in der Arbeitswelt sensibilisieren will.

Hat leider nicht so recht geklappt.

Ich bin in der Sache zerrissen. Einerseits denke ich mir: Meine Güte! Darauf kann doch nun jeder kommen, dass hinter diesen Sprüchen mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht. Das heisst: dass sie ironisch gemeint sind. Darf  man in der Schweiz nicht mehr gezielt provozieren, ohne Gefahr zu laufen, medial oder real gesteinigt zu werden? Ich finde dieses ständige Ringen um politische Korrektheit etwas ermüdend, scheint es doch vor allem Mittelmass und Langeweile hervorzubringen.

Und doch:

Selbst ein Freund der Ironie, weiss ich durchaus um ihre Grenzen. Und da ist es nun einmal so: Ob die Ironie ihr Ziel erreicht, zeigt sich erst am Empfänger der Nachricht. Und in dieser Hinsicht ist die Sache ziemlich in die Hose gegangen. Ich gestehe es ungern ein: Wenn die Schweizer nicht fähig sind, mit dieser Art von Ironie umzugehen, dann ist sie nur schwer für kommunikative Zwecke einzusetzen. Mich nervt das zwar, doch wenn ich etwas zu sagen habe und es so sagen will, dass es verstanden wird, dann ist meine Liebe zur Bissigkeit nun einmal zweitrangig. Zuerst geht es um mein Gegenüber, das mich verstehen soll. Deshalb ist der Einsatz von Ironie wie der jedes anderen Stilmittels zu prüfen und gründlich abzuwägen.

Darf ich so von “den Schweizern” reden? Natürlich nicht. Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die ich gezielt einsetze, um meine Leser zu provozieren.

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Ein Schuss ins Leere

Vor einigen Wochen besuchten wir Freunde in ihrer Ferienwohnung. Das ergab auch eine recht umfangreiche Kinderschar. Es wurde gespielt, gelacht, gekämpft – und dann auch geweint. Daniel fiel auf die Nase, was gehörig weh getan haben muss. Gott sei Dank verletzte er sich nicht ernsthaft, aber es sah zum Fürchten aus. Das Blut lief ihm in Strömen aus der Nase und übers T-Shirt – natürlich begleitet von lautem Weinen. Daran störten sich die lärmempfindlichen Nachbarn auf dem Gartensitzplatz nebenan. Als die Situation sich entspannt hatte, entschuldigte Daniels Mama sich bei den Nachbarn für den Lärm, worauf die ältere Dame meinte: “Ja, das war jetzt schon etwas laut. Und dann noch zur Essenszeit.”

In diesem Augenblick brach es wieder einmal aus mir hervor, das Ungetüm, das “Sarkasmus” heisst. Ich sagte zu der Frau: “Nächstes Mal werden wir schauen, dass unsere Kinder nach dem Essen aufs Gesicht fallen.” Welche Reaktion wäre auf eine solche Bemerkung angemessen? Aus meiner Sicht jedenfalls nicht, was ich zur Antwort bekam: “Am besten wäre aber, wenn die Kinder gar nicht mehr hinfallen.” Ich quittierte das noch mit einem verblüfften “Ah ja, da haben Sie auch wieder recht” und musste mir wieder einmal eingestehen, dass Ironie ein höchst unzuverlässiges Kommunikationsmittel ist. Die Frau hatte meine Äusserung wörtlich verstanden und entsprechend darauf reagiert – und sich wahrscheinlich darüber gewundert, was für ein gefühlloser Klotz ihr da gegenüberstand. Dabei wollte ich doch nur meinem Ärger über ihren Kommentar Luft verschaffen.

In meinen Rhetorikkursen weise ich immer auf Risiken und Nebenwirkungen der Ironie hin. Die Gefahr, nicht oder falsch verstanden zu werden, ist gross. Logisch, denn darum geht es ja in der Ironie: Man sagt, was man nicht meint. Eine Grundregel der Kommunikation ist aber, dass man sagt, was man meint. Verkehrt man diese Regel nun für einen Satz oder einen kurzen Teil einer Rede in ihr Gegenteil, dann gibt es in jedem Publikum Menschen, die immer noch meinen, dass man meint, was man sagt. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Sie können beim Redner liegen, beim Zuhörer, beim Inhalt der Botschaft, dem Kontext der Kommunikationssituation oder (was wohl meistens der Fall ist) aus einer Mischung dieser Faktoren heraus entstehen. Die häufigen Missverständnisse bleiben dabei oft unbemerkt, weil der Redner in der Regel nicht die Möglichkeit hat, die Entschlüsselung der Ironie zu überprüfen. Er will das auch nicht, weil er damit den Effekt zerstören würde. (“Das war übrigens ironisch gemeint. Haben das auch alle verstanden?”) In der Folge befinden sich dann im Publikum Menschen, die eine Äusserung als das Gegenteil dessen verstanden haben, was sie eigentlich ausdrücken sollte – und die nun versuchen, dieses Gegenteil in den Rest der Rede zu integrieren. Das sollte ja alles irgendwie zusammenpassen!

Ironie ist daher ein elitäres Stilmittel. Ein Redner setzt es ein, obwohl er weiss, dass nur ein Teil seines Publikums es entschlüsseln kann. Dem Rest bleibt der wahre Gehalt seiner Aussage verborgen. Schlimmer sogar: Dieser Rest versteht sogar genau das Gegenteil dessen, was eigentlich gesagt werden sollte. Wer Ironie einsetzt, richtet sich bewusst nur noch an einen Teil seiner Zuhörer und muss den Preis akzeptieren, dass der Rest gedanklich auf der Strecke bleibt.