Leonard Cohen: ein Funken Licht in jedem Wort

Nach 22 Jahren habe ich vorgestern Leonard Cohen wieder auf der Bühne gesehen. Eine eindrückliche Begegnung mit einem Künstler, dessen Musik mich seit meiner Zeit als Teenager begleitet und der mit 76 Jahren Bescheidenheit, Freude und Höflichkeit in einem Mass ausstrahlt, das die Schönheit dieser Qualitäten hautnah fassbar macht.

Cohens klare Sprache hat es mir besonders angetan. Und zur Zeit ganz besonders zwei kurze Sätze aus dem Lied “Anthem“:

There’s a crack in everything.
That’s how the light gets in.

Übersetzt heisst das soviel wie: “In allem hat es einen Riss. So kommt das Licht herein.”

Leonard Cohen: There's a blaze of light in every word.Als ich diese beiden Zeilen zum ersten Mal hörte, sang Cohen sie nicht, er rezitierte sie (wie in diesem Video). So kommt ihre brillante Schönheit noch klarer zum Ausdruck, finde ich. Und da ich jede Gelegenheit, von den Besten zu lernen, gerne nütze, frage ich mich natürlich, weshalb mir diese Sätze so unter die Haut gehen.

Ein Teil der Antwort liegt in mir selbst und hat damit zu tun, wie meine Empfangsinstrumente geformt und gestimmt sind. Dieser Teil entzieht sich meiner Analyse weitgehend. (Jedenfalls der Analyse, die ich hier auf diesem Blog betreiben möchte.)

Der andere Teil der Antwort jedoch liegt in den Wörtern, die Leonard Cohen gewählt und kombiniert hat. Über sie kann ich mir sehr wohl Gedanken machen.

Ich sehe folgende Qualitäten:

Einfache Wörter: Cohen verwendet die Allerweltsverben to be (“sein”) und to get (hier: “kommen”). Das ist radikale Einfachheit. In der Schule würde man vermutlich sagen, “In allem hat es einen Riss” sei schlechter Stil. Eleganter wäre zum Beispiel: “Durch alles zieht sich ein Riss.” Aber das ist dann eben manchmal auch schon zuviel. Weiterlesen: