Das gibt es wohl nur in der Schweiz. Nur hierzulande haben Menschen eine so starke Meinung, dass sie von einer Sache richtiggehend überzogen sind. Andernorts gibt man sich damit zufrieden, überzeugt zu sein. Leider ist überzogen in diesem Zusammenhang falsch, aber immerhin handelt es sich um einen Fehler mit Charme. Wenn ein Schweizer voller Leidenschaft von einer Sache erzählt, von der er überzogen sei, dann sehe ich ihn vor meinem inneren Auge stets ganz eingehüllt vom Objekt seiner unumstösslichen Meinung. Eigentlich ein passendes Bild. Der Grammatik tut es aber Gewalt an.
Wieder einmal ist es recht einfach: Das Partizip (das ist die Form, von der wir hier sprechen) von überzeugen ist überzeugt, während überzogen von überziehen abgeleitet wird. Dass das falsche überzogen im Schweizer Hochdeutsch doch ab und zu zu hören ist, hängt sicher damit zusammen, dass die schweizerdeutschen Dialekte sich grosser grammatischer Freiheit erfreuen. Dort ist überzogen vielerorts gang und gäbe. (Leider weiss ich nicht genau, wo. Wenn meine geschätzten Leser einen Kommentar hinterlassen möchten, auf dem sie die von ihnen bevorzugte Variante zusammen mit dem Ort nennen, an dem sie aufgewachsen sind, dann können wir gemeinsam eine Dialektkarte erstellen.) So ist es ja nicht verwunderlich, dass es auch im Schweizer Hochdeutsch immer wieder einmal auftaucht. Falsch bleibt es aber trotzdem. Überzogen sind Polstermöbel, überzeugt sind Menschen.
Ich gebe noch kurz dem Drang nach, mich zu rechtfertigen: Nachdem mein Artikelchen über “Anfang Jahr” oder “anfangs Jahr” der mit Abstand am häufigsten gelesene Post ist, fühle ich mich ermutigt, meinem Empfinden für Recht und Ordnung hier ungehemmter Ausdruck zu verleihen. Ich werde also öfter mal sagen, was falsch ist.