Posts Tagged “Werbung”

Mir ist ein Müsterchen eines offenbar extrem guten Sportlergels in die Finger gekommen. Weshalb ich das weiss, ohne das Produkt ausprobiert zu haben?

Ganz einfach:

Es enthält Glykosaminoglykane!

Wahnsinn!

Nein, ich weiss auch nicht, was Glykosaminoglykane sind, aber da dieser Bestandteil als einziger den Weg auf die Tube gefunden hat, muss es sich um etwas Hochspektakuläres handeln.

Entweder das – oder:

Die Hersteller und Vertreiber von Axa Nova haben sich gedacht: “Lasst uns die Leute blenden, indem wir einen absolut unverständlichen und auf den ersten Blick sogar unlesbaren Begriff auf die Tube schreiben. So erwecken wir den Eindruck, als sei unser Präparat der grösste medizinische Fortschritt seit der Entdeckung des Penizillins.”

Das Perfide an dieser Strategie: Viele Menschen scheinen zu denken, dass etwas, das sie nicht kennen, automatisch gut sein muss. Sie halten sich also für blöd. Nur so lässt sich in meinen Augen auch erklären, wie vor rund 10 Jahren aus “Frühstücksflocken” “Früchstückscerealien” wurden – ohne dass sich an den Produkten etwas geändert hätte.

Wollen wir für dumm verkauft werden? – Machmal habe ich fast den Eindruck.

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Bill Clinton spricht zur Einweihung des “Center for Disability and Integration” an der Universität St. Gallen, während sich landauf, landab Menschen darüber aufregen, dass es von unseren öffentlichen Plakatwänden ruft: “Behinderte kosten uns nur Geld.” Inzwischen wurde bekannt, dass hinter den vorerst anonymen Plakaten die Invalidenversicherung steht, die mit den Provokationen für die Anliegen Behinderter in der Arbeitswelt sensibilisieren will.

Hat leider nicht so recht geklappt.

Ich bin in der Sache zerrissen. Einerseits denke ich mir: Meine Güte! Darauf kann doch nun jeder kommen, dass hinter diesen Sprüchen mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht. Das heisst: dass sie ironisch gemeint sind. Darf  man in der Schweiz nicht mehr gezielt provozieren, ohne Gefahr zu laufen, medial oder real gesteinigt zu werden? Ich finde dieses ständige Ringen um politische Korrektheit etwas ermüdend, scheint es doch vor allem Mittelmass und Langeweile hervorzubringen.

Und doch:

Selbst ein Freund der Ironie, weiss ich durchaus um ihre Grenzen. Und da ist es nun einmal so: Ob die Ironie ihr Ziel erreicht, zeigt sich erst am Empfänger der Nachricht. Und in dieser Hinsicht ist die Sache ziemlich in die Hose gegangen. Ich gestehe es ungern ein: Wenn die Schweizer nicht fähig sind, mit dieser Art von Ironie umzugehen, dann ist sie nur schwer für kommunikative Zwecke einzusetzen. Mich nervt das zwar, doch wenn ich etwas zu sagen habe und es so sagen will, dass es verstanden wird, dann ist meine Liebe zur Bissigkeit nun einmal zweitrangig. Zuerst geht es um mein Gegenüber, das mich verstehen soll. Deshalb ist der Einsatz von Ironie wie der jedes anderen Stilmittels zu prüfen und gründlich abzuwägen.

Darf ich so von “den Schweizern” reden? Natürlich nicht. Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die ich gezielt einsetze, um meine Leser zu provozieren.

ironie_sprachblog_web

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In einer Bahnhofsunterführung begegnete mir über einem der Ausstellungsfenster folgendes:

text schaufenster 

Dieses Quintett der Angebote hat es in sich, vor allem die letzten beiden Elemente. Geschenke oder Waffen zum Verkauf anzubieten ist ja nichts Ungewöhnliches. Doch hier scheinen die beiden Begriffe den jeweils anderen in ein eher ungünstiges Licht zu setzen.  – Würde ein Waffenkenner hier einkaufen? Würde ein Hochzeitsgast auf der Suche nach dem passenden Geschenk hier einkaufen? Etwas hinterlässt hier einen irritierenden Eindruck, obwohl die Vorstellung, eine Waffe zu verschenken für viele Leute überhaupt nicht befremdlich ist. Woher kommt dann dieses seltsame Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst?

Würden wir dieser Reihe von Wörtern in einem Rätsel der Art “Was passt nicht dazu?” begegnen, wäre sofort klar: “Geschenk” ist der Exot. “Rasierapparate, Messer, Scheren” und “Waffen” bilden eine starke Einheit. In dieser Werbung unterstützen sie sich sogar, so dass der Gedanke nicht fern liegt: “Ich kaufe meine Schere lieber hier als im Warenhaus, das ist sicher ein Spezialgeschäft, wo man Scheren von guter Qualität bekommt.”  Die Beifügung von “Geschenke” – wahrscheinlich als Ergänzung gedacht – bedroht nun dieses Bild des kompetenten Schneidwarengeschäfts aus zwei Gründen:

Erstens verbinden die meisten Menschen mit “Geschenke” Gegenstände, die sich nicht nahtlos in die Reihe “Rasierapparate – Messer – Scheren – Waffen” einfügen . Blumen zum Beispiel. Oder Bücher. Oder herzige Mäuschen aus flauschigem Stoff. Diese Bilder passen nicht zum Eindruck, den die anderen vier Elemente erzeugen.

Der zweite Grund, weshalb “Geschenke” nicht dazu passt, hat mit der Bedeutungsstruktur des Wortes zu tun. Während die anderen vier Begriffe gut als Geschenke eingesetzt werden können, kann ein Rasierapparat niemals ein Messer, ein Messer niemals eine Schere sein. Diese vier Begriffe sind inkompatibel und schliessen sich gegenseitig aus. (“Messer” wäre dabei als “Werkzeugmesser” zu interpretieren (Taschenmesser, Besteckmesser etc.) und so von “Waffen” abzugrenzen). “Geschenke” steht auf einer höheren Ebene und kann für jedes der vier Wörter ein Überbegriff sein. Das führt dazu, dass die  Reihe “Rasierapparate – Messer – Scheren – Geschenke – Waffen “ unstimmig wirkt. (Vergleichbar wäre etwa: Fahrräder – Autos – Lokomotiven – Fahrzeuge – Kutschen.)

Dass das Schaufenster unter der Beschriftung mit Grablampen bestückt war, machte die genannten Angebote für mich nicht einladender.

schaufenster

 

Der Kontext entscheidet.

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