Ich hatte kürzlich Geburtstag und habe bei dieser Gelegenheit auch einige Geschenke bekommen. Darunter war eine Blechschachtel mit der viel versprechenden Aufschrift “Wörter für Cla”. In der Schachtel lagen 40 kreativ gestaltete Karten mit jeweils einem Wort. Wunderschön.
Über wordle habe ich ein einem meiner ersten Beiträge berichtet. Inzwischen ist einige Zeit vergangen und dieser Blog hat an Inhalt zugenommen. Grund genug für einen weiteren Besuch auf wordle.net – und diesmal in eigener Sache.
Ich habe mir einen Wortklumpen erstellen lassen, indem ich die Wordle-Maschine auf die URL von verständlich.ch hingewiesen habe. Zur Repetition: Wordle analysiert, wie oft Wörter in einem Text oder auf einer Webseite vorkommen und stellt sie dann in entsprechender Grösse dar.
Das Resultat:
Ich war – gelinde gesagt – erstaunt.
Schweizer?
Schweizer?!
Das soll die 1-Wort-Essenz von demnächst eineinhalb Jahren Sprachblog sein? (Gut, Rede scheint einigermassen gleichauf – aber Schweizer?)
In einem medizinischen Text (über Aortenaneurysmen, falls das jemanden interessiert) bin ich vor einigen Tagen auf ein Wort gestossen, das mich beinahe umgehauen hat, wie einer einen Baum umhaut.
Vernichtungsschmerz
Dieses Wort macht das Gemeinte (seine Bedeutung, wenn man so will) nicht nur versteh-, sondern spürbar. Dieses Wort tut weh. Als ich es las, fühlte ich das Kaputtgehen fast am eigenen Leib.
Erstaunlich, was ein Wort leisten kann, wieviel Kommunikationskraft in einem einfachen Begriff liegt. Ich will diese Wirkung hier nicht analysieren, nur feststellen. Bereits in früheren Beiträgen habe ich erwähnt, für wie wichtig ich das Bauchgefühl halte, wenn es darum geht, die Wirkung eines sprachlichen Ausdrucks zu beurteilen. Der Vernichtungsschmerz bestätigt das. Als ich einem Freund davon erzählte und das Wort nannte, verzog er sein Gesicht.
Das Ereignis, das dem Weihnachtsfest zugrunde liegt, wird im Johannesevangelium so knapp auf den Punkt gebracht, dass es beinahe schmerzt:
Und das Wort wurde Fleisch.
Wer an Sprache interessiert ist, muss ob diesem Satz in Verzückung geraten. Erstens liegt in der Kürze bekanntlich die Würze, und zweitens wird hier beschrieben, was sich jeder wünscht, der redet oder schreibt: Das Wort wird fassbar. Lebendig. Aus dem Abstrakten wird etwas Konkretes.
Zurück zu Weihnachten: Das Johannesevangelium beginnt mit dem liebsten Bibelvers jedes Sprachwissenschaftlers:
Am Anfang war das Wort.
Dass dieses Wort, das immer schon dagewesen war, nun “Fleisch” wird, bildet den Kern des Weihnachtsgeschehens. Die Theologie nennt dieses Ereignis Fleischwerdung oder Inkarnation. (Das Mittelstück ist übrigens dasselbe wie im Chili con Carne – sprachlich jedenfalls.) In Jesus von Nazareth wurde der unfassbare Gott fassbar. Und wer das Ende der Geschichte kennt, weiss, dass das durchaus wörtlich zu verstehen ist. Dieses Wort ist daher Vorbild für viele weitere Wörter, die ebenfalls fassbar werden und Spuren hinterlassen sollen. Auf diesem Weg ermöglichen Wörter Kommunikation, Verständnis, Gemeinschaft. Auch das ist gut zu erkennen an Jesus von Nazareth, der – wie es scheint – mehr Zeit mit Essen und Trinken als mit Predigen verbrachte.
Die Webseite Wordle baut Texte in Wortwolken um. Als Grundlage kann man entweder einen beliebigen Text ins Eingabefenster tippen oder kopieren oder aber eine Internet-Adresse eingeben, worauf Wordle den Inhalt der entsprechenden Seite als Arbeitsmaterial verwendet (vorausgesetzt, die Seite verfügt über einen RSS- oder Atom-Feed).
Das Resultat kann so aussehen – am Beispiel von Kafkas Das Urteil:
Nur ein weiterer Auswuchs der grenzenlosen Möglichkeiten zur Zeitverschwendung im Internet? – Ich sehe mehr darin:
Zuerst einmal zeigt diese Darstellung eines Textes, dass auch Wörter visuell ästhetisch sein können. Diese Feststellung ist natürlich nicht neu, angesichts der grossen Menge “normal” gedruckter Texte in unserem Alltag aber doch neu bemerkens- und entdeckenswert.
Darüber hinaus vermag eine solche Textwolke auch neue Zugänge zu einem vertrauten und somit allenfalls verblassten Text zu eröffnen. Die Grösse der Wörter in der Wortwolke ist nämlich abhängig von ihrer Häufigkeit im eingegebenen Text oder Webinhalt. Das oft Genannte so dominant zu sehen, kann überraschen. Wordle gestaltet zudem unberechenbar mit und exponiert nach Lust und Laune einzelne Begriffe.
“Mit ‘und’ beginnt man keinen Satz!” Das hatte ich in der Schule gelernt. Als ich mir vor kurzem wieder einmal “The Queen and the Soldier” der amerikanischen Liedermacherin Suzanne Vega anhörte, fiel mir auf, wie grosszügig Frau Vega ihre kurzen Hauptsätze mit dem angeblich unwerten weil unpräzisen Wort verbindet. Mir fiel auch auf, welchen Effekt das bei mir hatte. Zum Beispiel in der fünften Strophe:
Well the young Queen she fixed him with an arrogant eye.
She said: “You won’t understand and you may as well not try.”
But her face was a child’s and he thought she would cry.
And she closed herself up like a fan.
Und meine etwas holprige Übersetzung:
Die junge Königin sah ihn arrogant an.
Sie sagte: “Das verstehst du nicht, musst es gar nicht erst versuchen.”
Doch ihr Gesicht war das eines Kindes und er dachte, sie würde weinen.
Und sie verschloss sich wie ein Fächer.
Das “Und” in der letzten Zeile wirkt überhaupt nicht schwach. Schon gar nicht weckt es den Eindruck, Frau Vega habe halt nichts Treffenderes gefunden. Vielmehr verstärkt diese neutrale Verknüpfung die Spannung zwischen den letzten beiden Sätzen, ja, ich möchte sagen, es verhilft ihnen erst zur vollen Schönheit, lässt sie ihre Kraft ganz entfalten – viel mehr, als es mit “aber” oder “jedoch” möglich gewesen wäre. Das schwache “Und” stellt sich ganz in den Dienst der Sätze, die es zueinander in Beziehung bringt. Schön.
Und hier noch die musikalische Inspiration zu diesem Artikel:
Hier schreibe ich über Dinge, die mit Sprache zu tun haben. Es geht um Wörter. Um Reden. Um Übersetzen. Um Schreiben. Um Lesen. Um Grammatik. Um Verstehen.
Suche
Zitat des Augenblicks
Wenn ich das Wort ‘Kultur’ höre, übermannt mich der Schlaf. — Helmut Qualtinger